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Ja, sie ging fremd, hatte jemanden kennengelernt und im Laufe der Zeit tiefere Gefühle für ihn entwickelt. Kann man jemandem seine Gefühle vorwerfen? Ich mache es nicht, auch heute nicht. Sicher hatte sie zu diesem Zeitpunkt die Tragweite nicht bedacht, wenn sie die Gefühle zulässt.

Nein, ich werfe ihr nichts vor. Aber IHM werfe ich vor, dass er sich wissentlich in eine bestehende Beziehung gedrängt hat. Er war sich der Tragweite seines Tuns ganz sicher bewusst. Seine Gefühle jedoch werfe ich ihm nicht vor.

Deshalb beschloss ich, einige Tage nach ihrer Beichte, das Kerlchen einmal zu besuchen. Dafür hatte er mindestens eins auf die Nase verdient. Name und Adresse hatte ich schnell herausgefunden. Also setzte ich mich ins Auto und fuhr hin.

Auf der Autobahn gingen mir tausend Gedanken durch den Kopf. Bodensee, heidenei, konnte sie nicht jemanden in der Nähe finden? Das ist ja ewig weit weg. Aber die Gegend dort soll ja schön sein um diese Zeit ... Ich könnte ihn erwürgen. So ein [PIEP-strenge Zensur-PIEP]. Aber was wird, wenn es ein Schwergewichtskleiderschrank sein sollte? Hm, hatte ich nicht noch wichtige Termine? Eigentlich muss ich ja arbeiten und kann nicht einfach zum Bodensee fahren. Ach was - und ob ich das kann!

Was ist das nur für ein Kerl, der – wenn auch erst nach 10 Monaten – meine Liebste dazu bekommen hat sich mit ihm zu treffen? Ich muss es wissen. Es lässt mich nicht eher los. Ich will ihn sehen. Und vielleicht will ich ihn auch sprechen, je nachdem wie er aussieht.

Er selber steckte ja auch noch in einer Beziehung, als er sich mit meiner Liebsten traf. Verdammt noch mal, was finden Frauen nur an Männern, die fremdgehen? Sind Männer nur dann interessant, wenn sie vergeben sind? Und umgekehrt? Ob auch sie selbst einmal erfahren sollten, wie es sich anfühlt, wenn der Mensch, den sie am meisten lieben, ihre Liebe verrät und dessen Gefühle mit Füßen tritt? Nein, ich wünsche auch ihm nicht, dass er den Schmerz spürt, den ich erlitt, auch wenn ich noch so geladen war. Aber soll ich es einfach so hinnehmen?

Und was ist nun? Plötzlich haben sie keinen Kontakt mehr. Warum nicht? War ihre Liebe nicht stark genug, nur oberflächlich? Oder seine? Was ist das für ein Mensch, der eine Beziehung zerstört und dann nicht zu seiner Liebe steht? Falls es denn wirklich Liebe war. Vielleicht war es nur eine sexuelle Abwechslung? Meine Gedanken drehten sich im Kreis, machten mich rasend.

Was mache ich hier nur? Ach ja, ich fahre zum Bodensee. Na warte, noch 2 Stunden, dann bin ich da. Die Zeit will einfach nicht vergehen. Immer wieder gerate ich in Versuchung die Geschwindigkeitsbegrenzung zu ignorieren, komme aber rechtzeitig zu der Einsicht, dass es das nicht wert ist. Er weiß ja nicht, dass ich komme. Na das könnte aber eine nette Überraschung für ihn werden.

Zuhause traf ich ihn nicht an. Na dann los, auf in seine Firma. Wo ich seine Bekanntschaft mache ist doch egal.

Auf dem Firmenparkplatz rief ich ihn dann mit dem Handy an. „Komm runter auf den Parkplatz, wir müssen reden“. Einige Sekunden Pause. „Wer ist denn da?“ Ich musste innerlich lachen. Klar, woher sollte er das wissen, aber egal, ich sagte: „Du weißt, wer hier ist. Ich warte!“ und legte auf.

Gespannt starrte ich auf die Tür, die zum Parkplatz führte und durch die er nach meinen Überlegungen kommen musste. Wenn das so ein Riese ist, wünsche ich ihm noch viel Glück und verschwinde wieder, dachte ich. Nein! Ich WILL mit ihm reden. Vielleicht verzichte ich darauf, ihm eins auf die Nase zu geben, aber er soll wissen, was er angerichtet hat. Ich Esel, er wusste doch genau, was er da angerichtet hat. Na, dann soll er es wenigstens auch sehen. Ach was, er kriegt eine auf die Nase und gut ist's. Riese hin oder her, das hat er sich verdient. Hab ich das gerade gedacht? Oha ... ich erkenne mich nicht wieder!

Die Tür ging auf und ein eher schmächtiges kleines Männchen betrat den Parkplatz und steuerte etwas unsicher auf mich zu. Er war fast einen Kopf kleiner als ich und hatte auf den ersten Blick nicht einmal den Ansatz eines Merkmals, das mir in Erinnerung geblieben wäre, nichts charismatisches.

Auf einen Schlag verließ alle Anspannung meinen Körper. Dieses Kerlchen hat meine Beziehung zerstört? Ich fasse es nicht. Ich rang nach Fassung. Er stellte sich vor mich und stammelte einige unverständliche Entschuldigungen und Erklärungsversuche. Ich war mit meinen Gedanken immer noch auf der Suche nach dem Besonderen, das ihn wohl ausmachen würde. Seine Stimme zitterte und sein Unterkiefer gleich mit. Jetzt wo das kleine Häufchen Elend vor mir stand, der bei meiner Liebsten den großen Mann markiert hatte, tat er mir schon fast leid.

Ich fragte ihn, ob er mein Mädchen liebe. Ich bin sehr froh, dass sie seine Antwort nie erfuhr. Diese Enttäuschung hatte sie nicht verdient. Er quälte sich mit jedem Wort und stand nicht einmal zu ihr und seinen Gefühlen. Dann fragte ich ihn, ob er seine Freundin liebe, die er wohl immer noch sein Eigen nannte. Und hier war ich froh, dass seine Freundin die Antwort nicht gehört hatte. Auch sie hat das so nicht verdient.

Ich sagte: „Du bist ein rückgradloses Arschloch. Steh doch zu Deiner Liebe und tue etwas dafür oder komm ihr nie wieder unter die Augen.“, drehte mich um, stieg wieder in den Wagen und fuhr davon.

Im Rückspiegel sah ich ihn immer noch da stehen, in sich zusammengesackt, ein kleines Häufchen Elend.

Ich empfand Mitleid für meine Liebste.

Wem sollte ich nun etwas vorwerfen? Ich hatte einen Gegner erwartet und einen Looser vorgefunden. Ich war enttäuscht. An dem konnte ich nicht einmal meinem Ärger richtig Luft machen. Weder verbal, noch ... also nein, verbal reichte schon.

Die Gegend um den Bodensee herum ist wirklich sehr schön. Da werde ich bei Gelegenheit mal Urlaub machen, wenn ich mich von allem erholt habe.